Halbtrockenrasen
Ein Hotspot der Artenvielfalt
Vielerorts prägen sie unser Landschaftsbild und sind ein für den Naturpark Fränkische Schweiz – Frankenjura typisches Kulturlandschaftselement - unsere Halbtrockenrasen und Wacholderheiden. Diese Trespen-Halbtrockenrasen mit regelmäßigem Wacholderaufwuchs zählen zu den artenreichsten Biotopen Mitteleuropas, auch wenn sie ohne Zutun des Menschen nicht existieren würden.
Verinselte Relikte einer anderen Epoche
Die Böden der Frankenalb sind besonders im Bereich der Hochflächen und Steilhänge sehr flachgründig und überlagern ein zerklüftetes Kalkgestein. Dadurch kann Niederschlagswasser sehr schlecht gehalten werden, fließt durch die Klüfte rasch ab und nimmt dabei einen großen Teil der Nährstoffe aus dem Boden mit. Das Ergebnis sind sehr nährstoffarme und trockene Böden, die für den Ackerbau unrentabel waren.
Diese Grenzertragsstandorte wurden früher vor allem im Bereich der Hochflächen im Rahmen der „Egertenwirtschaft“ – einer Feld-Weide-Wechselwirtschaft – bewirtschaftet. Die Steilhangbereiche, die ohne aufwändige Terrassierung ohnehin nicht für den Ackerbau in Frage kamen, wurden von Großschäfereien beweidet oder als gemeindliche Hutungen verwendet. Die Schäferei war also ein wichtiger Wirtschaftszweig.
Durch die Schaf- und Ziegenhaltung wurden entsprechende Bereiche seit Jahrhunderten gehölzfrei gehalten – nur der stachelige und bitter schmeckende Wacholder wurde nicht verbissen und konnte sich hier und da durchsetzen. Durch die Beweidung wurde den Flächen über die Zeit Nährstoffe weiter entzogen. Zur Blütezeit der Schäferei, Mitte des 19. Jahrhunderts, waren etwa 15-20% des Landes von Schafen beweidet und die Fränkische Schweiz war somit eines der waldärmsten Regionen Bayerns.
Durch die fortschreitende Globalisierung wurde die Schäferei jedoch ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unrentabel. Zunächst führte der Import von billiger Schafswolle aus Australien zum Preisverfall für regionale Wolle, später löste die aus Amerika importierte Baumwolle die Schafswolle vom Markt ab. Zusätzlich behinderten politisch motivierte Importsperren für Mastschafe in Frankreich und Großbritannien den Export aus der Fränkischen Schweiz. In der Folge gaben viele Schäfereien auf.
Jene Wacholderheiden, die nach Aufgabe der Schäferei nicht von selbst wieder vom Wald eingenommen worden sind, wurden infolge staatlicher Förderungen in den 1920er und -30er Jahren aufgeforstet oder später mit Mineraldüngern aufgedüngt, um produktiven Ackerboden zu erhalten. Die Wacholderheiden, die wir heute noch vorfinden, sind also verinselte Relikte eines einstigen Biotopverbundes.
Lebensraum der Extreme
Die Bewohner der Wacholderheiden haben mit extremen Bedingungen zu kämpfen. Neben Nährstoffarmut und Wassermangel findet man gerade an den Wacholderhängen in südlicher Ausrichtung oft extreme tageszeitliche Temperaturunterschiede in Bodennähe vor. Mit diesen Umständen kommen sehr viele Pflanzenarten nicht zurecht. Das erleichtert es allerdings vielen seltenen, konkurrenzschwachen und an diese Bedingungen angepassten Arten, sich zu etablieren. Hinzu kommt der Tritt und der Biss der Weidetiere. Während sich Schafe an Gräser und Kräuter halten, fressen Ziegen sogar das Buschwerk ab. Nur stachelige bzw. dornige (z.B. Wacholder, Disteln, Dornige Hauhechel), giftige (z.B. Küchenschelle) oder bitter schmeckende (z.B. Enziane) Pflanzen werden von den Vierbeinern verschmäht und dadurch gefördert. Nicht weidefeste Arten gehen zurück.
Typische Flora und Fauna
Bereits im zeitigen Frühjahr (März/April) kann man als eine der ersten Blütenpflanzen mancherorts die Gewöhnliche Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris) auf unseren Wacholderheiden antreffen. Während sie früher noch zuhauf gesammelt und zum Ostereier Färben verwendet wurde, ist sie heute selten geworden und deshalb gesetzlich geschützt.
Mit etwas Glück trifft man im Frühsommer auf besondere Schönheiten – Orchideen. Unter ihnen fühlen sich, oft im Schutze von Sträuchern, beispielsweise die Bienenragwurz (Ophrys apifera), das Helmknabenkraut (Orchis militaris) oder die nach Ziegenbock riechende Bocksriemenzunge (Himantoglossum hircinum) auf Wacholderheiden besonders wohl. Allen heimischen Orchideen ist ihr strenger gesetzlicher Schutz gemein.
Auch sind verschiedene Enzian-Arten wie Fransen-Enzian (Gentianella ciliata), Deutscher Enzian (Gentianella germanica), Kreuz-Enzian (Gentiana cruciata) oder Frühlings-Enzian (Gentiana verna) auf unseren Wacholderheiden zu finden.
Andere typische Blütenpflanzen wie Kartäusernelke (Dianthus carthusianorum), Ästige Graslilie (Anthericum ramosum), Weidenblättriges Ochsenauge (Buphthalmum salicifolium), Rundblättrige Glockenblume (Campanula rotundifolia), Stängellose Kratzdistel (Cirsium acaule), Echtes Labkraut (Galium verum), Frühlings-Fingerkraut (Potentilla neumanniana), Arznei-Thymian (Thymus pulegioides), Zypressen-Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias), verschiedene Mauerpfeffer-Arten (Sedum spp.) und viele mehr sorgen für eine bunte Blütenvielfalt.
Diese Vielfalt an heimischen Blütenpflanzen in Kombination mit teils offenen Bodenstellen bietet einer großen Anzahl an Insektenarten einen idealen Lebensraum mit einem großen Angebot an Nahrung und Nistmöglichkeiten. Sowohl Schmetterlinge als auch Käfer, Wildbienen, solitäre Wespen, Schwebfliegen, Heuschrecken und viele mehr kommen auf Wacholderheiden in beachtlicher Diversität vor.
Unter den Reptilien fühlt sich die Zauneidechse auf Wacholderheiden besonders wohl. Sie nutzt felsige Bereiche zum Sonnenbad und zieht sich bei zu großer Hitze in den Schatten der Sträucher zurück. Durch den Insektenreichtum findet sie hier reichlich Nahrung. Einer der größten Fressfeinde der Zauneidachse ist die Schlingnatter, eine ungiftige Schlangenart, die häufig mit einer Kreuzotter verwechselt wird. Sie ist an trockenwarme Bedingungen angepasst und kommt bevorzugt auf unseren Wacholderheiden vor.
In der Vogelwelt trifft man auf Raritäten wie den Neuntöter, der zur Nahrungsbevorratung häufig Großinsekten und Mäuse an den Dornen von Sträuchern aufspießt. Auch der Wendehals, eine kleine Spechtart, die auf kurzrasigen Flächen auf die Suche nach Rasen- und Wegameisen geht, kann bei ausreichenden Nistmöglichkeiten auf Wacholderheiden vorkommen.
Erhalt durch Pflege
Wegen der großen Bedeutung für die Biodiversität, aber auch wegen der landschaftlichen Eigenart, ist es wichtig, dass unsere Wacholderheiden erhalten bleiben. Ohne eine regelmäßige Pflege unterliegen Wacholderheiden der Sukzession - sie verbuschen allmählich und werden innerhalb weniger Generationen wieder zu Wald. Arten, die auf diesen Lebensraum angewiesen sind, können dort dann nicht mehr existieren. Für die Pflege von Wacholderheiden betreibt der bayerische Naturschutz deshalb seit Jahrzehnten viel Aufwand und investiert umfangreiche Fördermittel.
Die beste Methode um Wacholderheiden zu pflegen ist, die Beweidung mit Schafen und Ziegen weiterhin fortzuführen oder wiederaufzunehmen. Die Tiere sorgen nicht nur dafür, dass den Flächen Nährstoffe entzogen werden und diese nicht verbuschen. Sie schaffen durch ihren Tritt auch Offenboden und tragen damit zur Keimung von Pflanzensamen bei, die sie zum Teil sogar in Fell oder Klauen anhaftend von anderen Weideflächen mitbringen.
Da es heute nur noch wenige aktive Schäfer im Naturpark gibt, müssen Wacholderheiden vielerorts aufwändig per Hand gemäht bzw. entbuscht werden. Das Mäh- und Schnittgut muss dann von der Fläche gebracht werden, damit die Nährstoffe nicht auf der Fläche verbleiben und die Bildung von Rasenfilz vermieden wird.